FÜR GROSS UND KLEIN… MÄRCHEN VON DEN GEBRÜDERN GRIMM…, Springwasser

Unter Wasser

Wenn man aus der Stadt Cork geht, unweit der Galgenwiese, liegt ein großer See, auf dem sich Winters das Volk mit Schlittschuhlaufen ergötzt, aber die Lust über dem Wasser ist nichts in Vergleich mit der, die darunter ist, denn auf dem Boden dieses Sees stehen Gebäude und Gärten, die prächtigsten, die man je gesehen. Wie sie dahin kamen, hat sich folgendermaßen zugetragen.

Lange bevor ein sächsischer Fuß irischen Grund betrat, lebte ein großer König namens Corc; sein Schloß stand da, wo jetzt der See ist, in einer grünen, meilenbreiten Aue. Mitten im Burghof befand sich ein Springbrunnen so reinen, klaren Wassers, daß es ein Wunder war.

Der König freute sich auch nicht wenig, eine solche Merkwürdigkeit in seinem Schlosse zu besitzen; als aber die Leute in Haufen herbei kamen von fern und von nah, das köstliche Wasser dieses Brunnens zu schöpfen, fürchtete er, daß es mit der Zeit versiegen möchte. Er befahl eine hohe Mauer rundherum zu bauen und wollte niemand mehr zu dem Wasser lassen, was ein großer Schaden für die armen Leute war, die in der Gegend wohnten. So oft er aber selbst Wasser brauchte, sandte er seine Tochter hin, es zu holen und vertraute den Schlüssel zu der Quelltüre keinem seiner Diener, aus Besorgnis, sie könnten etwas davon weggeben.

Eines abends feierte der König ein großes Fest, viele Fürsten waren zugegen, Grafen und Edelleute ohne Zahl, das ganze Schloß war voll Herrlichkeit, Freudenfeuer stiegen in die Wolken auf, der Tanz drehte sich und so süße Musik ging dazu, daß sie die Toten aus ihren Gräbern hätte wecken mögen; Speisen standen für jeden bereit, der hereinkam und niemand wurde von dem Schloßtor zurückgewiesen, jedem rief der Pförtner »willkommen, herzlich willkommen!« entgegen.

Nun geschah es aber, daß bei diesem großen Feste auch ein junger Prinz erschienen war, lieblich von Ansehen, so schlank und gerade, wie sich ihn nur ein Auge wünschen möchte zu erblicken. Recht lustig tanzte er den Abend mit des alten Königs Tochter auf und nieder, federleicht und die Füße so zierlich setzend, daß es allgemeine Bewunderung auf sich zog.

Die Musikanten spielten aufs beste, um einem solchen Tanze Ehre zu machen und jene tanzten, als stände ihr Leben darauf. Nach dem Tanz folgte das Abendessen, der junge Prinz saß seiner schönen Tänzerin zur Seite und so oft er mit ihr sprach, lächelte sie ihm zu, er tat es aber lange nicht so oft, als sie wünschte, denn er mußte sich vielmals zu der Gesellschaft umdrehen und für die Komplimente danken, die seiner schönen Tischgefährtin und ihm gemacht wurden.

Mitten in der Mahlzeit sagte einer von den großen Herrn zu dem König Corc: »Mit eurer Majestät Erlaubnis, alles ist hier im Überfluß, was das Herz sich wünschen mag, beides zu essen und zu trinken, nur kein Wasser.«
»Wasser!« sagte der König mit Wohlgefallen darüber, daß jemand das forderte, woran absichtlich Mangel gelassen war: »Wasser sollt ihr gleich haben und von so köstlicher Art, daß ich die ganze Welt auffordere, ein gleiches vorzuweisen. Tochter«, rief er, »geh, hole welches, in dem Goldeimer, den ich dazu habe machen lassen.«

Die Königstochter, welche Fior Usga (Springwasser) hieß, schien eben nicht zufrieden damit, heute vor so vielen Leuten diese gemeine Hausarbeit zu übernehmen. Sie wagte nicht ihres Vaters Geheiß zu widerstreben, aber sie zögerte, auf den Boden schauend. Der König, welcher seine Tochter sehr liebte, merkte ihre Verlegenheit und es tat ihm leid, daß er es von ihr begehrt hatte, doch sein königliches Wort durfte er nicht zurücknehmen, er sann auf ein Mittel, sie gleich dahin zu bringen, daß sie das Wasser holte und fiel auf den Gedanken, der Prinz, ihr Tischgesell solle sie begleiten.

Mit lauter Stimme sagte er: »Meine Tochter, mich wundert nicht, daß du dich fürchtest allein auszugehen so spät in der Nacht, der junge Prinz dir zur Seite, hoffe ich, wird dich begleiten.« Der Prinz hörte das mit Vergnügen und den Goldeimer an die eine Hand nehmend, mit der andern die Königstochter aus dem Saal führend, zog er die Blicke aller Gäste auf sich.

Als sie zu dem Wasserbrunnen im Schloßhof kamen, schloß die schöne Usga das Tor sorgfältig auf, bückte sich mit dem Goldeimer und wollte Wasser schöpfen, aber das Gefäß wurde ihr so schwer, daß sie das Gleichgewicht verlor und in den Brunnen stürzte. Vergeblich strebte der junge Prinz sie zu retten, das Wasser stieg und stieg so mächtig, daß es schnell den ganzen Schloßhof einnahm, außer sich eilte er zurück zu dem König.

Das Brunnentor war offen geblieben und das lang verschloßne Wasser, froh über die erlangte Freiheit, rauschte unablässig herein, stieg jeden Augenblick höher und war in dem Gastsaal so schnell wie der junge Prinz selbst, dergestalt, daß, wie er versuchte mit dem König zu reden, er bis an den Hals im Wasser stand. In die Länge stieg das Wasser zu solcher Höhe, daß es die ganze grüne Aue, in welcher des Königs Schloß lag, erfüllte und so wurde der jetzige See von Cork gebildet.

Aber der König und seine Gäste ertranken nicht, noch seine Tochter, die schöne Usga, sondern die nächste Nacht nach dem schreckenvollen Ereignis kehrte sie zum Festgelag zurück und seitdem jede Nacht geht das Fest und der Tanz an in dem Boden des Sees und wird so lange dauern, bis es einem gelingt, den Goldeimer heraus zu bringen, der die Ursache des Unheils war.

Und niemand kann zweifeln, daß dies Gericht darum über den König erging, weil er den Brunnen im Schloßhof den armen Leuten verschlossen hatte. Wer aber der Sage nicht glaubt, gehe hin an den See, wenn das Wasser niedrig und hell steht, so wird er mit guten Augen die Turmspitzen und andere Häuser in der Tiefe erblicken.

Anmerkung
Im westlichen Irland erzählte ein Bauer eine ähnliche Sage. Geht man an einem schönen Sommerabend, wenn die Sonne gerade hinter die Berge sinkt, zu dem See und kommt man zu einem kleinen Überhang auf der Westseite, so hat man, wenn man sich bückt und in das Wasser schaut, den schönsten Anblick von der Welt, denn man sieht unter dem Wasser ganz deutlich eine große Stadt mit Palästen, langen Straßen und Plätzen.

Giraldus Cambrensis (aus dem 12ten Jahrh.) gedenkt einer Sage, daß der See Neagh vormals eine Quelle gewesen, welche das ganze Land überschwemmt habe.

Waldron hat eine Sage von der Insel Man, wonach ein Taucher in eine Stadt unter dem Meer kam, deren Pracht er nicht genug beschreiben kann und wo der Boden der Zimmer aus Edelsteinen zusammengesetzt war.

Es gibt auch in Deutschland und sonst genug Sagen von Seen, die an der Stelle ehemaliger Städte und Burgen stehen.

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FÜR GROSS UND KLEIN… MÄRCHEN VON DEN GEBRÜDERN GRIMM…, Der Löwe und der Frosch

Frosch und Löwe

Es war ein König und eine Königin, die hatten einen Sohn und eine Tochter, die hatten sie herzlich lieb. Der Prinz ging oft auf die Jagd und blieb manchmal lange Zeit draußen im Wald, einmal aber kam er gar nicht wieder. Darüber weinte sich seine Schwester fast blind, endlich, wie sie’s nicht länger aushalten konnte, ging sie fort in den Wald und wollte ihren Bruder suchen.

Als sie nun lange Wege gegangen war, konnte sie vor Müdigkeit nicht weiter, und wie sie sich umsah, da stand ein Löwe neben ihr, der tat ganz freundlich und sah so gut aus. Da setzte sie sich auf seinen Rücken, und der Löwe trug sie fort und streichelte sie immer mit seinem Schwanze und kühlte ihr die Backen. Als er nun ein gut Stück fortgelaufen war, kamen sie vor eine Höhle, da trug sie der Löwe hinein, und sie fürchtete sich nicht und wollte auch nicht herab springen, weil der Löwe so freundlich war.

Also ging’s durch die Höhle, die immer dunkler war und endlich ganz stockfinster, und als das ein Weilchen gedauert hatte, kamen sie wieder an das Tageslicht in einen wunderschönen Garten. Da war alles so frisch und glänzte in der Sonne, und mittendrin stand ein prächtiger Palast. Wie sie ans Tor kamen, hielt der Löwe, und die Prinzessin stieg von seinem Rücken herunter. Da fing der Löwe an zu sprechen und sagte: „In dem schönen Haus sollst du wohnen und mir dienen, und wenn du alles erfüllst, was ich fordere, so wirst du deinen Bruder wieder sehen.“

Da diente die Prinzessin dem Löwen und gehorchte ihm in allen Stücken. Einmal ging sie in dem Garten spazieren, darin war es so schön, und doch war sie traurig, weil sie so allein und von aller Welt verlassen war. Wie sie so auf und ab ging, ward sie einen Teich gewahr, und auf der Mitte des Teichs war eine kleine Insel mit einem Zelt.

Da sah sie, dass unter dem Zelt ein grasgrüner Laubfrosch saß, und hatte ein Rosenblatt auf dem Kopf statt einer Haube. Der Frosch guckte sie an und sprach: „Warum bist du so traurig?“ „Ach“, sagte sie, „warum sollte ich nicht traurig sein?“ Und klagte ihm da recht ihre Not. Da sprach der Frosch ganz freundlich: „Wenn du was brauchst, so komm nur zu mir, so will ich dir mit Rat und Tat zur Hand gehen.“ „Wie soll ich dir das aber vergelten?“ „Du brauchst mir nichts zu vergelten“, sprach der Quakfrosch, „bring mir nur alle Tage ein frisches Rosenblatt zur Haube.“

Da ging nun die Prinzessin wieder zurück und war ein bisschen getröstet, und sooft der Löwe etwas verlangte, lief sie zum Teich, da sprang der Frosch herüber und hinüber und hatte ihr bald herbeigeschafft, was sie brauchte. Auf eine Zeit sagte der Löwe: „Heut Abend esse ich gern eine Mückenpastete, sie muss aber gut zubereitet sein.“ Da dachte die Prinzessin, wie soll ich die herbeischaffen, das ist mir ganz unmöglich, lief hinaus und klagte es ihrem Frosch.

Der Frosch aber sprach: „Mach dir keine Sorgen, eine Mückenpastete will ich schon herbeischaffen.“ Darauf setzte er sich hin, sperrte rechts und links das Maul auf, schnappte zu und fing Mücken, soviel er brauchte. Darauf hüpfte er hin und her, trug Holzspäne zusammen und blies ein Feuer an. Wie’s brannte, knetete er die Pastete und setzte sie über Kohlen, und es währte keine zwei Stunden, so war sie fertig und so gut, als einer nur wünschen konnte.

Da sprach er zu dem Mädchen: „Die Pastete kriegst du aber nicht eher, als bis du mir versprichst, dem Löwen, sobald er eingeschlafen ist, den Kopf abzuschlagen mit einem Schwert, das hinter seinem Lager verborgen ist.“ „Nein“, sagte sie, „das tue ich nicht, der Löwe ist doch immer gut gegen mich gewesen.“ Da sprach der Frosch: „Wenn du das nicht tust, wirst du nimmer mehr deinen Bruder wieder sehen, und dem Löwen selber tust du auch kein Leid damit an.“

Da fasste sie Mut, nahm die Pastete und brachte sie dem Löwen. „Die sieht ja recht gut aus“, sagte der Löwe, schnupperte daran und fing gleich an rein zu beißen, aß sie auch ganz auf. Wie er nun fertig war, fühlte er eine Müdigkeit und wollte ein wenig schlafen; also sprach er zur Prinzessin: „Komm und setz dich neben mich und kraul mir ein bisschen hinter den Ohren, bis ich eingeschlafen bin.“

Da setzt sie sich neben ihn, kraulte ihn mit der Linken und suchte mit der Rechten nach dem Schwert, welches hinter seinem Bette liegt. Wie er nun eingeschlafen ist, so zieht sie es hervor, drückt die Augen zu und haut mit einem Streich dem Löwen den Kopf ab. Wie sie aber wieder hinblickt, da war der Löwe verschwunden, und ihr lieber Bruder stand neben ihr, der küsste sie herzlich und sprach: „Du hast mich erlöst, denn ich war der Löwe und war verwünscht, es so lang zu bleiben, bis eine Mädchenhand aus Liebe zu mir dem Löwen den Kopf abhauen würde.“

Darauf gingen sie miteinander in den Garten und wollten dem Frosch danken, wie sie aber ankamen, sahen sie, wie er nach allen Seiten herumhüpfte und kleine Späne suchte und ein Feuer anmachte. Als es nun recht hell brannte, hüpfte er selber hinein, und da brennt’s noch ein bisschen, und dann geht das Feuer aus und steht ein schönes Mädchen da, das war auch verwünscht worden und die Liebste des Prinzen.

Da ziehen sie miteinander heim zu dem alten König und der Frau Königin, und wird eine große Hochzeit gehalten, und wer dabei gewesen, der ist nicht hungrig nach Haus gegangen.

FÜR GROSS UND KLEIN… MÄRCHEN AUS RUSSLAND …, Finist, der Falke

Illustration Iwan Bilibin

Vor vielen Jahren lebte einmal ein reicher verwitweter Kaufmann, der drei Töchter hatte. Die beiden älteren Töchter waren vor allem interessiert an schönen Kleidern und dem feiern von Festen, aber Maria, die Jüngste, besorgte dem Vater den Haushalt und war sittsam und gut.

Eines Tages ging der Kaufmann zum Markt und fragte seine Töchter, was für Geschenke er ihnen mitbringen solle. Die beiden älteren Töchter wünschten sich teure Stoffe für neue Kleider, aber Maria sprach: „Alles was ich will, ist eine Feder von Finist, dem Falken.“ Doch eine solche Feder konnte er im Gegensatz zu den Stoffen auf dem Markt nicht finden.

Auf seiner nächsten Reise ging er zu einem Markt weiter weg von zu Hause. Seine älteren Töchter fragten ihn nach seidenen Schals, aber Maria wollte wieder eine Feder von Finist dem Falken. Wieder fand er die teuren Geschenke für die älteren Töchter, aber niemand auf dem Markt hatte jemals etwas von einer solchen Feder gehört.

Als der Kaufmann wieder zum Markt wollte, dieses Mal weit, weit weg von zu Hause, fragten ihn die beiden älteren Töchter nach neuen Ohrringen und Maria wünschte sich wieder nur die Feder von Finist dem Falken. Der Kaufmann fand auch schöne Ohrringe auf dem Markt. Auf seinem Weg zurück traf er einen alten Mann mit einem kleinen Kästchen in seiner Hand. „Was ist in dem Kästchen?“ fragte der Kaufmann. „Eine Feder von Finist dem Falken“ antwortete der alte Mann. „Bitte, verkaufe sie mir,“ bat ihn da der Kaufmann, aber der alte Mann sprach: „Diese Feder ist nicht zu verkaufen. Aber ich kann sie einem gutmütigen Mann, wie ihr es seid, zum Geschenk machen.“

Als der Kaufmann mit der Feder heim kam, danke ihm Maria mit großer Freude und rannte in ihr Zimmer, um das Kästchen zu öffnen. Sie nahm die Feder heraus, warf sie in die Luft und ein Falke erschien. Sie stampfte mit dem Fuß auf den Boden und der Falke verwandelte sich in einen prächtigen jungen Mann. Sie sprachen miteinander voller Glück bis in die späte Nacht. Da dachten die beiden älteren Schwestern, sie hörten eine Männerstimme im Zimmer der Jüngsten, klopften an die Tür und verlangten Einlass. Aber bevor sie herein kamen, flog Finist aus dem Fenster heraus. In das leere Zimmer hereinstürzend waren die Schwestern sehr verärgert und voller Misstrauen.

In den nächsten drei Nächten flog Finist erneut durch Marias Fenster, um sie zu besuchen, als sie die Feder fallen ließ. Aber in der dritten Nacht sahen die bösen Schwestern ihn davon fliegen. Als Maria nicht in ihrem Zimmer war, klemmten sie ein scharfes Messer und Nägel in den Fensterrahmen. In der folgenden Nacht wartete Maria erneut auf Finist, da sie aber sehr müde von den Nächten mit wenig Schlaf war, nickte sie ein. Als Finist versuchte in das Fenster hinein zu fliegen, verletzte er seine Flügel an den scharfen Spitzen und Schneiden. Traurig sprach er zur schlafenden Maria: „Lebe wohl, meine Liebste. Wenn du mich liebst, wirst du mich finden“ und flog davon.

Illustration Iwan Bilibin

Am nächsten Morgen entdeckte Maria die mit Blut beschmierten Messer auf dem Fensterrahmen. Sie weinte und rief nach Finist. Als sie keine Antwort erhielt, beschloss sie, ihren Liebsten zu finden. Sie wanderte Tage und Tage durch den Wald und kam zuletzt an eine kleine Hütte.

Eine alte Frau kam aus der Tür und fragte ihn: „Wohin gehst du, schönes Mädchen?“
Maria antwortete: „Ich suche Finist, den Falken.“
„Oh, es ist ein weiter Weg zu ihm“ sagte da die alte Frau Nimm diesen silbernen Teller und das goldene Ei. Gib sie nicht her für alles Geld der Welt, aber verkaufe sie für eine Unterhaltung mit Finist.

Maria nahm die Geschenke, dankte der alten Frau und ging wieder auf die Reise. Sie kam noch an zwei anderen kleinen Häuslein vorbei, wo die Schwestern der alten Frau lebten, die für sie viele freundliche Worte hatten und zwei weitere Geschenke gaben: Eine goldene Nadel und eine goldene Spindel. Schließlich erreichte Maria einen Palast. Sie hörte, dass Finist dort war und die Prinzessin des Landes, in dem sie sich befand, ihn dort heiraten wollte. Maria ging zur Palastküche, fragte nach Arbeit als Dienstmagd und durfte als Spülfrau bleiben.

Eines Abends, nach einem langen Tag mit harter Arbeit, ließ sie sich nieder und spielte mit ihrem silbernen Teller und goldenen Ei. Durch einen Zufall sah die Prinzessin Maria mit ihren wertvollen Schätzen und fragte diese sogleich, ob sie sie ihr verkaufen würde. Maria, die sich noch an den Rat der alten Frau erinnerte, antwortete:
„Ich kann sie nicht verkaufen. Aber wenn ihr mich heute Abend mit Finist dem Falken sprechen lasst, gebe ich sie euch als Geschenk.“

Die Prinzessin willigte ein, aber sie war misstrauisch und tat Schlafpulver in Finists Speisen. Später am Abend ging Maria zu Finists Gemach und sprach zu ihm: „Mein liebster Finist der Falke, erwache!“

Aber er war schon eingeschlafen und konnte sie nicht hören. Am nächsten Tag sah die Prinzessin erneut, als sie gerade mit der goldenen Nadel spielte. Doch es passierte wieder dasselbe und Finist entschlief, bevor Maria mit ihm sprechen konnte. In der dritten Nacht, als sie sich das Recht, mit ihm zu sprechen mit der goldenen Spindel erkaufte, ging sie in sein Gemach und kniete vor seinem Bett, als sie ihn rief. Doch er war wieder von der Prinzessin betäubt worden und konnte sie nicht hören. Im Wissen, dass sie ihre letzte Chance verloren hatte, begann sie zu weinen und eine ihrer Tränen fiel auf seine Backe. Dieses mal spürte er ihre Sorge, öffnete seine Augen und sprach:

„Liebste Maria, ich bin so glücklich, dich wieder zu sehen!“ Sie erzählte ihm von ihren Abenteuern seit sie sich das letzte Mal begegnet waren. Sie versprachen sich ewige Liebe und flüchteten zusammen aus dem Palast der Prinzessin. Als sie zurück zu Marias Haus kamen, vergaben sie Marias Schwestern, heirateten sich und lebten glücklich bis an ihr Lebensende.

FÜR GROSS UND KLEIN… MÄRCHEN VON DEN GEBRÜDERN GRIMM…, Das gebückte Mütterchen

Großmütterchen und der Dämon

Margareth Barrett war in ihrer Jugend schlank, artig und wohlgesittet und zeichnete sich durch die Vereinigung zweier Eigenschaften aus, die man nicht oft beisammen findet. Sie war nämlich eine sehr sparsame Hausfrau und zugleich die beste Tänzerin in ihrem Geburtsort dem Dorfe Ballyhuley.

Gegenwärtig ist sie an den sechszigen und in den letzten zehn Jahren ihres Lebens durchaus nicht mehr im Stande gewesen, sich aufzurichten. Sie geht gebückt, beinahe bis zur Erde, doch ihre Glieder gebraucht sie, so weit es in dieser Stellung möglich ist, mit völliger Freiheit; ihre Gesundheit ist gut, ihr Geist kräftig und in der Familie ihres ältesten Sohns, bei welchem sie seit dem Tode ihres Mannes lebt, verrichtet sie alle häuslichen Arbeiten, welche ihr Alter und jenes Gebrechen zulassen.

Sie wäscht die Kartoffeln, macht Feuer an, kehrt das Haus (lauter Geschäfte, wobei ihr, wie sie mit guter Laune bemerkt, ihr krummer Rücken sehr zustatten kommt), spielt mit den Kindern und erzählt ihren Hausgenossen und den Freunden aus der Nachbarschaft, die sich oft rund um sie beim Feuer versammeln, ihr in den langen Winterabenden zuzuhören, allerlei Geschichten.

Die anziehende Kraft ihrer Unterhaltung wird sehr gepriesen sowohl wegen ihrer guten Laune als auch wegen ihrer Erzählungen; und drollige und scherzhafte Begebenheiten, die sich auf ihre gekrümmte Gestalt beziehen, dann aber das Ereignis selbst, welches Schuld an diesem Mißgeschick ist, sind das Lieblingskapitel ihrer Gespräche.

So hörte man sie unter andern erzählen, wie an einem gewissen Tage, bei dem Schluß einer schlechten Ernte, als verschiedene Pächter in der Gegend, wo sie lebte, auf dem Feld eine Bittschrift um Verminderung des Pachtgeldes beschlossen hätten, das Papier zum Schreiben sei auf ihren Rücken gelegt und dieser als ein leidlich guter Tisch befunden worden.

Margrethe, wie alle gescheite Erzähler, pflegte sich sowohl was die Ausführlichkeit als den Inhalt ihrer Geschichten betraf, nach den Zuhörern und den Umständen zu richten. Sie wußte, daß bei hellem Tageslicht, wenn die Sonne glänzend scheint, die Bäume knospen, die Vögel rings um uns singen, rührige und gesprächige Menschen ihren Geschäften oder Vergnügungen nachgehen; sie wußte, doch gewißlich ohne die Ursache zu kennen oder sich viel darum zu bekümmern, daß wenn wir mit dem wirklichen Leben und der wirklichen Welt beschäftigt sind, der glaubige Sinn fehlt, ohne welchen Erzählungen, die sonst aufs gewaltigste die Teilnahme anregen, einen Eindruck hinterlassen.

In solchen Stunden war Margareth kurz, hielt sich nur an Tatsachen und berührte das Wunderbare gar nicht. Doch an einem Weihnachtsabend bei dem flackernden Herde, wenn Ungläubigkeit aus allen Gesellschaften verbannt ist, wenigstens bei stiller und einfacher Lebensart, als eine Eigenschaft, welche, um das geringste zu sagen, in diese Zeit nicht paßt: wenn die Winde in düstern Dezembertagen kalt um die Mauern pfeifen und durch die Türen des kleinen Hauses dringen, eine Mahnung an seine Bewohner, daß wenn die Welt von Elementen, die stärker als menschliche Kräfte sind, geplagt wird, sie auch Wesen einer höheren Natur besuchen – in solchen Stunden pflegte Margareth Barrett ihren Erinnerungen und ihrer Phantasie, oder beiden, ohne Rückhalt nachzugeben, und bei einer solchen Gelegenheit war es, wo sie umständlich erzählte, wie sie zu dieser gekrümmten Gestalt gekommen sei.

»Es war gerade unter allen Tagen im Jahr, der Tag vor dem Mai, wo ich hinaus in den Garten ging, die Kartoffel zu jäten. Ich wäre den Tag nicht herausgegangen, wäre ich nicht traurig und kummervoll gewesen und gerne für mich allein. Die Burschen und Mädchen im Haus lachten alle, scherzten und machten Bälle zum Schleudern oder Bänder zurecht für die Vermummten am folgenden Tage.

Ich konnte das nicht ertragen. Eben erst die vergangenen Ostern, und die letzten Ostern waren es zehn Jahre, ich werde die Zeit niemals vergessen, hatte ich meinen armen Mann begraben und ich dachte daran, wie vergnügt und voller Freude ich war, so manches lange Jahr vorher eben an diesem Tage, als Robin neben mir saß und ich die Bänder für den Schleuderball schnitt und nähte, die ich den folgenden Tag den Burschen geben wollte mit dem stolzen Gefühl, allen Mädchen an den Ufern des Blackwaters vorgezogen zu werden von dem hübschesten und besten Schleuderer in dem Dorf.

Ich verließ das Haus und ging in den Garten. Ich blieb da den ganzen Tag und kam nicht heim zum Essen. Ich weiß nicht, wie es war, und nur soviel, daß ich in kummervollen Gedanken immer fortfuhr zu jäten, einige von den alten Liedern singend, die ich aber und abermals in den Tagen gesungen habe, die nun dahin sind, vor dem, der nimmer zurückkehrt, sie anzuhören. Die Wahrheit zu sagen, es war mir unerträglich, hinzugehen und schweigend und finster zu Haus zu sitzen, unter Menschen, die lustig und jung waren und ihre besten Tage vor sich hatten.

Es ward spät, ehe ich an die Heimkehr dachte und ich verließ den Garten erst einige Zeit nach Sonnenuntergang. Der Mond stand am Himmel, obgleich kein Wölkchen zu sehen war und hier und da ein Stern blinkte, so war der Tag noch nicht lang genug verschwunden, um helles Mondlicht zu haben; doch schien er hinlänglich, um auf einer Seite alle Dinge in des Himmels Licht bleich und silberfarbig zu machen und ein dünner Nebel begann soeben über die Felder hin zu ziehen.

Auf der andern Seite, nach Sonnenuntergang zu, war noch mehr Tageslicht und der Himmel blickte ängstlich, rot und feurig durch die Bäume gleich als ob unten eine große Stadt in Brand aufloderte. Überall Schweigen, wie auf einem Kirchhof, nur dann und wann hörte man in der Ferne einen Hund bellen, oder eine eben gemelkte Kuh brüllen. Kein lebendes Wesen war zu sehen, weder auf dem Wege, noch auf dem Feld.

Ich verwunderte mich erst, dann erinnerte ich mich, daß es der Abend vor dem Mai war und daß mancherlei, Gutes und Böses, in dieser Nacht umher schwärme und ich die Gefahren meiden müsse, wie jeder andre. Ich ging so rasch zu, als ich konnte und gelangte bald an das Ende der Mauer, die das Gut umgibt, wo die Bäume hoch und dicht auf jeder Seite des Wegs aufsteigen und sich meist mit den Wipfeln berühren.

Mein Herz hatte ein Vorgefühl, als ich unter ihre Schatten kam. Die Öffnung oben ließ so viel Licht herab, daß ich einen Steinwurf weit vor mir sehen konnte. Plötzlich hörte ich in den Ästen auf der rechten Seite des Wegs ein Rascheln und sah etwas, das einem kleinen schwarzen Ziegenbock ähnlich war, nur mit langen, breiten Hörnern auswärts gerichtet statt rückwärts gekrümmt; es stand auf den Hinterfüßen am Rand der Mauer und schaute auf mich herab.

Der Atem stockte mir, und ich konnte mich fast eine Minute lang nicht bewegen. Ich mußte, wie es auch zuging, meine Augen unverwandt dahin richten, aber es schaute immer starr auf mich herab. Endlich nahm ich mich zusammen und ging fort, aber ich hatte noch keine zehn Schritte getan, als ich dieselbe Erscheinung auf der Mauer zu meiner linken erblickte, genau in derselben Stellung, nur noch drei- oder viermal so hoch und beinahe so groß, als der größte Mann.

Die Hörner sahen schrecklich aus, es starrte mich an, wie dort. Meine Beine zitterten, die Zähne schnatterten und ich glaubte jeden Augenblick ich würde tot hinfallen. Endlich war es mir, als wäre ich gezwungen zu gehen und ich ging wirklich fort, aber ich fühlte nicht, wie ich mich bewegte oder wie meine Beine mich forttrugen.

Eben als ich an der Stelle vorbei kam, wo das entsetzliche Wesen stand, hörte ich ein Geräusch, als ob etwas die Mauer herabspränge und hatte ein Gefühl, als wenn ein schweres Tier auf mich stürzte, das mit den Vorderfüßen mich fest um die Schultern packend die Hinterfüße in meinen faltigen, zusammengesteckten Rock verwickelte.

Ich verwunderte mich noch und werde es tun, solange ich lebe, wie ich die heftige Erschütterung ertragen habe, aber ich fiel weder, noch schwankte ich bei der Wucht, sondern ging darauflos, als hätte ich die Stärke von zehn Männern; jedoch fühlte ich, daß ich gezwungen war, mich fortzubewegen und nicht die Macht hatte, still zu stehen, wie ich es wünschte.

Doch ich keuchte ängstlich, ich wußte was ich tat, so deutlich, als ich es in diesem Augenblick weiß; ich versuchte zu schreien, doch ich konnte es nicht, versuchte zu laufen, aber es war nicht möglich, versuchte rückwärts zu schauen, aber Kopf und Nacken waren wie in einen Schraubstock gespannt.

Ich konnte nur meine Augen nach beiden Seiten hindrehen und dann erblickte ich so klar und deutlich, als wäre es in vollem Licht der lieben Sonne, einen schwarzen und gespaltenen Fuß fest auf meine Schulter gelegt. Ich hörte ein leises Atmen in meinem Ohr, ich fühlte, daß bei jedem Schritt, den ich tat, meine Beine an die Füße jener Kreatur stießen, die auf meinem Rücken hing.

Endlich sah ich das Haus und es war mir ein willkommener Anblick, denn ich dachte, ich würde erlöst, wenn ich es erreichte. Ich kam bald nah an die Türe, doch sie war verschlossen, ich schaute nach dem kleinen Fenster, aber es war auch verschlossen, denn sie waren an diesem Abend vorsichtiger als ich; ich sah innen das Licht durch die Spalten in der Türe, ich hörte sie drinnen reden und lachen. Ich fühlte, nur drei Ellen weit war ich von denen entfernt, die alles würden aufgeboten haben, mich zu retten. Und möge Gott mich bewahren, noch einmal zu fühlen, was ich in jener Nacht gefühlt habe!

Ich fand mich gehalten von etwas, das nicht gut sein konnte, ohne Macht mir zu helfen, oder meine Freunde anzurufen, oder meine Hand auszustrecken, um zu klopfen, oder nur meinen Fuß zu heben, um an die Türe zu stoßen und sie wissen zu lassen, daß ich außen wäre. Es war, als ob meine Hände an die Seite wüchsen oder meine Füße an den Boden geheftet wären, oder als hätte das Gewicht eines Felsen sie daran befestigt.

Endlich dachte ich daran, mich zu bekreuzigen und meine rechte Hand, die sonst nichts tat, tat es für mich. Die Last blieb auf meinem Rücken und alles war wie zuvor. Ich bekreuzigte mich abermals, es war immer dasselbe. Ich gab mich für verloren, doch ich bekreuzigte mich zum drittenmal und meine Hand hatte nicht sobald das Zeichen vollendet, als ich fühlte, wie die Bürde von meinem Rücken sprang. Die Türe fuhr auf, als wenn der Donner in sie einschlüge und ich stürzte vorwärts gerade auf die Stirne mitten in den Flur. Als ich wieder aufstand, war mein Rücken krumm, und ich konnte mich nicht wieder gerade aufrichten von jener Nacht an, bis zu dieser Stunde.«

Es entstand eine kleine Stille, als Margareth Barrett geendigt hatte. Diejenigen, welche die Geschichte schon kannten, hatten mit dem Ausdruck halb befriedigter Teilnahme, gemischt indessen mit jenem ernsthaften und feierlichen Gefühl, welches eine Erzählung übernatürlicher Wunder erregt, sooft sie auch erzählt wird, zugehört.

Sich auf ihren Sitzen bewegend verließen sie die Stellung, in welcher sie während der Erzählung verharrt hatten und nahmen eine andre an, welche zu erkennen gab, daß ihre Neugierde in Beziehung auf die Ursache dieser seltsamen Begebenheit schon längst befriedigt war. Diejenigen aber, welche sie noch nicht gekannt hatten, behielten den Ausdruck und die Stellung gespannter Aufmerksamkeit und ängstlicher, aber feierlicher Erwartung.

Ein Enkel der Margareth von etwa neun Jahren (doch kein Kind des Sohnes, bei welchem sie lebte), hatte noch nie die Geschichte gehört. So wie seine Aufmerksamkeit wuchs, drängte es sich immer fester an die Seite der alten Frau und beim Schluß schaute es unverwandt nach ihr hin, mit seinem Leib über ihre Knie zurück gebogen, und sein Gesicht zu ihr hinauf gerichtet, mit einem Ausdruck, in welchem die Neigung zu weinen mit der Neugierde zu kämpfen schien.

Nach einem augenblicklichen Stillschweigen konnte es nicht länger seine Neugierde bezähmen, und ihre grauen Locken mit einem Händchen fassend, während Tränen der Furcht und des Erstaunens gerade von seinen Augenwimpern herab tröpfelten, rief es: »Großmutter, wer war das?«
Margareth lächelte erst nach dem ältern Teil der Zuhörer, dann nach ihrem Enkel hin und ihm sanft über die Stirne streichelnd sagte sie:
»Es war die Phuka!«

FÜR GROSS UND KLEIN… MÄRCHEN VON DEN GEBRÜDERN GRIMM…, Die Kuh mit den sieben Färsen

Weiße Kuh

Lorenz Cotter besaß ein kleines Gut in der Gegend von dem See Gur und gedieh dabei, denn er war ein guter, fleißiger Mann, der bis an seinen Tod still und ruhig darauf gelebt haben würde, wenn ihn nicht ein Unglück betroffen hätte, von dem ihr sogleich hören sollt.

Nah am Wasser gehörte ihm ein feines Stück Wiesenland, wie man es sich nicht besser wünschen kann, um dessen Ertrag er aber schmählich gebracht wurde und niemand konnte sagen, durch wen. Ein Jahr um das andere fand es sich immer auf dieselbe Weise zu Grund gerichtet. Die Einfriedigung war im gehörigen Stand und kein Grenzstein verrückt; des Nachbars Vieh konnte keinen Schaden gestiftet haben, denn es war gekoppelt; aber wie es nun geschehen mochte, das Gras auf der Wiese wurde zu großem Verluste Lorenz völlig verdorben.

»Was in der weiten Welt soll ich nur anfangen?« sagte Lorenz Cotter zu Thomas Welch, seinem Nachbar, einem ehrsamen Mann: »Das bißchen Wiese, wofür ich schwere Abgaben entrichten muß, bringt mir so viel wie nichts ein und die Zeiten sind bitter schlecht genug, sie brauchten nicht noch schlimmer zu werden.«

»Ihr redet wahr, Lorenz« versetzte Welch, »die Zeiten sind bitter schlecht, aber ich glaube, wenn ihr bei Nacht wachen wolltet, ihr könntet bald dahinter kommen; Michel und Diether, meine beiden Jungen, sollen mit euch wachen, es ist zum Erbarmen, daß ein so ehrlicher Mann, wie ihr seid, auf so schimpfliche Weise zugrunde gehen sollte.«

Dieser Übereinkunft gemäß nahmen die folgende Nacht Lorenz Cotter und Welch’s beide Söhne ihren Posten in einer Ecke der Wiese. Es war eben Vollmond, der sein Licht über den ruhigen See ergoß, kein Wölkchen war am Himmel zu sehen, kein Laut zu hören, als der Schrei der Wachteln, die sich einander über das Wasser hin zuriefen.

»Jungen, Jungen!« sagte Lorenz, »schaut auf, schaut auf, aber ums Leben macht kein Geräusch und rührt euch keinen Schritt, bis ich das Wort sage.«
Sie schauten und sahen eine dicke fette Kuh in Begleitung von sieben milchweißen Färsen über die glatte Fläche des Sees sich nach der Wiese zu bewegen.

»Das ist nicht Tim Dwyers, des Pfeifers Kuh, die sich alles Fleisch von den Knochen getanzt hat«, flüsterte Michel zu seinem Bruder.
»Ihr Jungen«, sprach jetzt Lorenz Cotter, der die saubere Kuh mit ihren sieben weißen Färsen schönstens auf der Wiese angelangt sah, »sucht mir zwischen sie und den See zu kommen, wir wollen sie geradezu in den Pfandstall treiben, gleichviel wem sie gehören.«

Die Kuh mußte aber diese Worte vernommen haben, denn augenblicklich wendete sie sich in größter Eile zu dem Ufer des Sees und sprang hinein vor ihrer aller Augen; hinter ihr liefen die sieben Färsen, doch die Jungen gewannen ihnen den Vorsprung ab und hatten große Mühe, sie von dem See weg zu Lorenz Cotter hinzutreiben.

Lorenz trieb die sieben Färsen in den Pfandstall, es waren prächtige Tiere, und nachdem er sie daselbst drei Tage lang gehalten hatte, ohne daß sich ein Eigentümer meldete, so nahm er sie heraus und brachte sie auf eines seiner Grundstücke. Sie wuchsen und gediehen mächtig, bis in einer Nacht das Gatter offen gelassen wurde und des morgens die sieben Färsen fort waren.

Lorenz konnte nichts wieder von ihnen in Erfahrung bringen und ohne Zweifel waren sie in den See zurück gegangen. Woher sie nun kamen und welcher Welt sie zugehörten, Lorenz bekam ihretwegen kein Hälmchen Gras mehr von der Wiese. Aus Verdruß gab er sich ans Trinken und der Trunk, sagt man, hat ihn getötet.

Anmerkung
In der Grafschaft Tipperary, nicht weit von Callir, ist ein See, genannt Longh na Bo oder See der Kuh, nach einer Sage, die Ähnlichkeit hat mit der vom See Gur. Die Hörner dieser Kuh sollen so lang sein, daß man bei niedrigem Wasserstand die Spitzen kann hervorragen sehen.

Aus dem See Blarney hat man zwei Kühe heraussteigen gesehen, die in den zunächst liegenden Wiesen und Kornfeldern bedeutenden Schaden sollen angerichtet haben.

Alle sieben Jahre kommt ein großer, vornehmer Mann aus dem See und wandelt eine Stunde oder weiter in der Hoffnung, daß jemand mit ihm rede, aber da es niemand wagt, so kehrt er in den See zurück.

Dieser große Mann ist ohne Zweifel niemand als der Graf von Clancarthy, eifrig bemüht, Mittel an die Hand zu geben, wie man seinen Silberkasten entdecken könne, welcher der Sage zufolge in den See geschleudert wurde, um zu verhindern, daß er nicht den Feinden, die seine Burg erobert hatten, in die Hände falle.

Dieses Märchen hängt mit den schottischen und nordischen Sagen vom Elfstier zusammen, worüber die Einleitung nachzusehen ist.

FÜR GROSS UND KLEIN… MÄRCHEN AUS RUSSLAND …, ALEXANDER SERGEJEWITSCH PUSCHKIN …, Die Geschichte von König Saltan

Ein Wiedersehen

Vor langer Zeit in einem weit entfernten Königreich lebten einmal drei Schwestern. Sie unterhielten sich im Hof ihres Hauses und stellten sich vor, was sie tun würden, wenn König Saltan sie heiraten würden. Eine sagte, sie würde ein großes Fest mit der ganzen Welt feiern. Die zweite meinte, sie würde feinstes Leinen für die ganze Welt weben. Die dritte schließlich sprach, sie würde dem König einen stattlichen und unvergleichlich tapferen Erben gebären.

Es geschah, dass eben in diesem Moment der König am Zaun vorbei ging und das Gespräch der drei Frauen mit anhörte. Als er die Worte der dritten hörte, verliebte er sich in sie und fragte sie, ob sie seine Frau werden wolle. Sie heirateten noch in der gleichen Nacht und wenig später erwartete die Königin von ihm einen Sohn. Die beiden Schwestern aber erhielten als Köchin und Weberin Arbeit im Schloss.

Einige Monate später musste der König in den Krieg ziehen und seine Frau alleine daheim zurück lassen. Während seines Kriegszugs gebar ihm die Königin einen Sohn. Ein Reiter wurde ausgesandt, ihm die gute Nachricht zu überbringen. Die beiden Schwestern der Königin jedoch und eine Freundin von ihnen namens Barbarika waren so eifersüchtig auf deren Glück, dass sie den Reiter entführen ließen und ihn durch ihren eigenen Boten ersetzten. Dieser aber überbrachte eine Nachricht zum König mit den Worten: „Euer Weib, die Königin, hat weder einen Sohn, noch eine Tochter, weder eine Maus noch einen Frosch, sondern ein unbekanntes kleines Wesen geboren.“

Als der König diese Nachricht las, war er ärgerlich und schickte einen Brief an seine Frau, dass sie auf seine Rückkehr warten und vorher nichts unternehmen solle. Die intriganten Schwestern trafen jedoch den Reiter auf seinem Rückweg mit der Nachricht, machten ihn betrunken und vertauschten seinen Brief mit einer gefälschten Anweisung von ihm, die besagte, man solle die Königin und ihr Kind in ein Fass stecken, dieses zunageln und ins Meer werfen.

Natürlich gab es keinen Weg, die Anweisung eines Königs zu missachten und so steckten die Palastwachen nach dem Eintreffen der gefälschten Nachricht die Königin und ihren Sohn in ein Fass, nagelten einen Deckel darauf und warfen es ins Wasser. Als die Königin im Fass weinte, wurde ihr Sohn größer und stärker, nicht mit jedem Tag, sondern mit jeder Minute. Er bat die Wellen, das Fass an Land zu spülen. Die Wellen erbarmten sich seiner und trugen ihn und seine Mutter in ihrem Fass auf eine Wüsteninsel.

Da beide sehr hungrig waren, machte sich der Sohn aus Zweigen eines Baumes einen Bogen und einen Pfeil und ging auf die Jagd. Nicht weit vom Meer hörte er einen Schrei und sah einen armen Schwan im Kampf schon fast besiegt von einem mächtigen schwarzen Falken. Gerade als der Falke kurz davor war, seinen scharfen Schnabel im Hals des Schwans zu versenken, schoss der Junge einen Pfeil auf ihn, tötete damit den Falken und vergoss sein Blut über das weite Meer. Da schwamm der Schwan zu dem Jungen, dankte ihm und sprach: „Du hast keinen Falken getötet, sondern einen bösen Zauberer. Dafür, dass du mein Leben gerettet hast, werde ich dir für immer dienen.“

Der Sohn ging zurück zu seiner Mutter und erzählte ihr von seinem Abenteuer, dann ruhten sie sich zusammen aus und waren trotz ihres großen Hungers und Durstes schon bald eingeschlafen. Als sie am nächsten Morgen aufwachten, erblickten sie vor sich eine wundervolle Stadt, wo noch am Abend zuvor gar nichts gewesen war. Sie hatte mächtige Tore und die Häuser und Kirchen in ihr waren von reinstem weiß mit Dächern aus purem Gold. „Schau, welches Wunder der Schwan vollbracht hat“ dachte da der Junge und gemeinsam mit seiner Mutter ging er durch das offene Tor in die Stadt hinein. Da wurden sie darin von einer großen Menschenmenge begrüßt, die den Jungen zu ihrem Fürsten machten und ihn Fürst Gwidon nannten.

Eines Tages segelte ein Handelsschiff an der Insel vorbei und drehte bei, als die Seeleute die prächtige Stadt erblickten. Mit einem Salutschuss von der Stadt wurde dem Schiff bedeutet zu ankern und so lief das Schiff in den Hafen der Stadt ein. Dort empfing Fürst Gwidon die Seeleute und bewirtete sie mit feinster Speise und Getränken. Er fragte sie auch, was sie zu verkaufen hätten und wohin sie ihre Wege führten. Sie antworteten, dass sie mit edlen Pelzen und Fellen handelten und sie unterwegs hinter die Insel Bujan in das Reich des Königs Saltan seien.

Gwidon beauftragte die Seeleute, dem König Saltan seine Grüße auszurichten und dachte an dessen Nachricht, von der ihm seine Mutter erzählt hatte und die ihre Vertreibung aus dem Königreich ausgelöst hatte. Doch trotzdem war Fürst Gwidon, der immer nur das Beste von den Menschen dachte, der festen Überzeugung, dass sein Vater einen solchen Befehl nicht absichtlich gegeben haben konnte.

Als die Seeleute von Gwidons Insel wieder aufbrechen wollten, wurde der Fürst traurig und dachte an seinen Vater. „Was ist los mit dir? Warum bist du so betrübt?“ fragte ihn der Schwan. „Ich würde so gerne meinen Vater, den König sehen“ antwortete Gwidon. Und so verwandelte der Schwan Gwidon mit einem Spritzer des Wassers in eine kleine Mücke, so dass er sich in einem Spalt im Mast des Schiffs verstecken und so in das Reich des Königs reisen konnte.

Als das Schiff in König Saltans Reich ankam, begrüßte dieser die Seeleute und fragte sie nach den Ländern, die sie in der weiten Welt gesehen hatten. Die Seeleute erzählten dem König von der Insel und von der prächtigen, ummauerten Stadt darauf und sprachen auch vom Herrscher der Insel, dem großzügigen Fürsten Gwidon. Der König wusste nicht, das Gwidon sein Sohn war, doch sogleich erbrannte in ihm der Wunsch, diese schöne Stadt mit eigenen Augen zu sehen. Die beiden Schwestern der Königin und ihre alte Freundin Barbarika wollten ihn nicht gehen lassen und meinten, das an diesem Seemannsgarn von der prächtigen Stadt mit Sicherheit kein wahres Wort sein würde. „Was viel interessanter ist“, sprach Barbarika, „ist ein Eichhörnchen das drüben am Waldrand unter einer Fichte sitzt und goldene Nüsse mit Kernen aus Edelsteinen knackt. Das ist wirklich etwas außergewöhnliches!“

Als sie das hörte, wurde die kleine Mücke, die in Wirklichkeit Fürst Gwidon war, sehr zornig. Sie flog zu Barbarika, stach der alten Frau mitten ins rechte Auge und flog zurück zur Insel. Dort angekommen, erzählte Gwidon dem Schwan seine Erlebnisse und von der Geschichte mit dem bemerkenswerten Eichhörnchen. Dann lief er in den Schlosshof und plötzlich erblickte er dort ein Eichhörnchen, das unter einer Fichte saß und goldene Nüsse knackte und neben dem bereits ein Berg von goldenen Nussschalen und Edelsteinen lag. Da freute sich der Fürst und ließ dem kleinen Tier ein Haus aus feinstem Kristall bauen. Er stellte eine Wache für das Haus und rief einen Schreiber, der die Schalen und Edelsteine sammeln und zählen sollte. So wurde das Eichhörnchen weithin berühmt, der Fürst jedoch und seine Stadt unermesslich reich.

Einige Zeit später kam ein neues Schiff auf der Insel an, das ebenfalls auf dem Weg in König Saltans Reich war. So ging der Fürst zum Schwan und wünschte sich erneut, seinen Vater zu sehen. Dieses mal verwandelte der Schwan den Fürsten in eine Fliege, sodass er sich wieder im Schiff verstecken konnte.

Als das Schiff im Reich Saltans ankam, erzählten diesem die Seeleute sogleich von dem wundersamen Eichhörnchen, das sie in der Stadt des Fürsten Gwidon gesehen hatten. Saltan wollte wieder diese fabelhafte Stadt besuchen, doch die beiden Schwestern und Barbarika redeten es ihm wieder aus. Sie verhöhnten die Seeleute wegen ihrer Geschichte und Barbarika erzählte von einem noch viel größeren Wunder: Von 33 tapferen Rittern in blinkender Rüstung unter der Führung des mächtigen Helden Tschernomor, die mitten aus der wildesten See herauf kämen. Die Fliege, die Fürst Gwidon war, wurde bei dieser Geschichte wieder sehr böse auf die Frauen, stach in Barbarikas linkes Auge und flog zurück zu seiner Insel.

Daheim erzählte Gwidon dem Schwan von Tschernomor und den 33 tapferen Rittern und jammerte, dass er selbst noch nie ein so großes Wunder gesehen habe. Da erschien im Meer plötzlich eine gigantische Welle, die am Ufer brach und als das Wasser weg war, standen dort an seiner Stelle 33 Ritter in blinkender Rüstung unter der Führung von Tschernomor – bereit, dem Fürsten Gwidon zu dienen. Sie versprachen, dass sie nun aus dem Meer jeden Tag emporsteigen würden, um die Stadt des Fürsten zu beschützen.

Einige Monate später kam ein drittes Schiff bei der Insel Fürst Gwidons vorbei und angelockt von der Pracht der Stadt, ging auch dieses im Hafen vor Anker. Der Fürst hieß auch die Seeleute auf diesem Schiff herzlich willkommen, bewirtete sie aufs Feinste und trug ihnen auf, dem König Saltan Grüße von ihm zu bestellen. Als die Seeleute sich daraufhin zum Aufbruch rüsteten, ging Fürst Gwidon wieder zum Schwan und sagte ihm, dass er seinen Vater nicht vergessen könne und ihn wiedersehen wolle. So verwandelte der Schwan den Fürsten dieses Mal in eine Hummel.

Einige Zeit später erreichte das Schiff das Reich König Saltans und auch die Seeleute auf diesem Schiff erzählten dem König von der wundervollen Stadt auf der Insel, die sie gesehen hatten und wie jeden Tag die 33 Ritter dem Meer entstiegen, um die Insel und die Stadt zu beschützen.

Der König erfreute sich an dieser wunderbaren Geschichte und wollte nun endlich dieses außergewöhnliche Land sehen. Erneut redeten die beiden Schwestern und die alte sein Vorhaben aus. Sie spotteten über die Geschichte der Seemänner und Barbarika erzählte die Geschichte von einer Prinzessin, die jenseits des Meeres lebe und so wunderschön sei, dass man seinen Blick von ihr gar nicht abwenden könne. „Das Lichte des hellen Tages verblasst neben ihrer Schönheit, die dunkelste Nacht wird von ihrer zarten Anmut erhellt. Ihre Stimme ist fein und wohlklingend wie reinstes Gold – das ist ein wahres Wunder!“ Da wurde die Hummel Gwidon wieder sehr böse auf die alte Frau und stach ihr in die Nase. Die drei Frauen versuchten danach, die Hummel zu fangen, doch ohne Erfolg und so flog Gwidon zurück nach Hause.

Als er dort ankam, starrte Gwidon am Strand auf das Meer hinaus, bis der weiße Schwan wieder zu ihm kam und fragte: „Warum bist du heute so betrübt?“ Gwidon sprach, dass er traurig sei, weil er keine Frau habe. Er erzählte die Geschichte von der wunderschönen Prinzessin mit der großen Anmut und der Stimme wie Gold. Da schwieg der Schwan für eine Weile und sprach dann: „Es gibt eine solche Prinzessin. Aber eine Frau ist nichts, was du einfach so als Geschenk aus der Hand eines anderen empfangen kannst.“ Gwidon antwortete, dass er bereit sei, den Rest von seinem Leben zu allen vier Ecken der Welt zu reisen, um die schöne Prinzessin zu finden. Daraufhin sprach der Schwan:

Du brauchst auf keine Reise
Noch Schiff noch and´re Weise
Die Frau steht hier am Strand
Neben dir im Sand
Ich weiß es sicherlich
Die Prinzessin, das bin ich.

Als der Schwan dies gesprochen hatte, schlug er mit den Flügeln und verwandelte sich in die hübscheste Frau, von der der Fürst jemals gehört hatte. Da umarmten und küssten sich die beiden leidenschaftlich und Gwidon führte sie mit sich, um sie zu seiner Mutter zu bringen. Noch am selben Abend wurde zwischen ihnen prunkvoll Hochzeit gehalten.

Nach einigen Monaten kam wieder ein Schiff und ankerte im Hafen der Stadt. Wie immer hieß Fürst Gwidon die Seeleute willkommen und als sie wieder aufbrachen, trug er ihnen auch dieses Mal auf, dem König Saltan Grüße von ihm auszurichten und ihn eine Einladung auszurichten, seine Insel zu besuchen. Glücklich vereint mit seiner Braut, entschied er sich jedoch, dieses Mal nicht mit dem Schiff mit zu segeln.

Als das Schiff im Königreich von Saltan ankam, erzählten ihm die Seemänner erneut von der fantastischen Insel, die sie besuchen durften, vom Eichhörnchen mit den goldenen Nüssen, von den 33 gepanzerten Rittern aus dem Meer und von der lieblichen Fürstin, deren Schönheit unbeschreiblich war.

Dieses mal hörte der König nicht auf die verächtlichen Bemerkungen von den Schwestern und Barbarika. Stattdessen rief er seine Flotte und bestieg sogleich ein Schiff, mit dem er sofort zur Insel segelte. Die Schwestern der Königin und ihre Freundin aber nahm er mit sich. Als sie dort ankamen, stand Fürst Gwidon bereits am Hafen, um König Saltan zu treffen. Wortlos führte Gwidon diesen, seine beiden Tanten und Barbarika zu seinem Palast. Auf dem Weg sah der König alles, wovon er so viel gehört hatte. An den Toren zum Palast standen die 33 Ritter Spalier, im Schlosshof saß das Eichhörnchen und knackte eine goldene Nuss und dort stand auch schließlich die wunderschöne Fürstin, Gwidons Frau. Neben der Fürstin stand eine Frau und als Saltan sie ansah, erkannte er sofort Gwidons Mutter, seine verlorene Frau. Mit Tränen der Freude in den Augen lief er zu ihr, nahm sie in die Arme und Jahre mit gebrochenem Herzen waren vergessen. Da begriff Saltan, dass Fürst Gwidon sein Sohn war und die beiden umarmten sich ebenfalls.

Da wurde ein großes Fest gefeiert. Die beiden Schwestern und Barbarika jedoch versteckten sich voller Scham, wurden aber bald gefunden und zum König geführt. Dort gestanden sie voller Angst all ihre Untaten. Aber König Saltan war so glücklich, dass er ihnen vergab und sie gehen ließ. Und so lebten der König, seine Frau, der Fürst und die Fürstin glücklich für alle Tage ihres Lebens.

FÜR GROSS UND KLEIN… MÄRCHEN AUS RUSSLAND …, Ilja Muromez

Ilja mit seinem Pferd

Nach einer alten Legende lebte einmal ein Sohn von Bauersleuten in einem kleinen Dorf, der schon seit seiner Geburt ein Krüppel war, nicht laufen konnte und Ilja Muromez hieß. Seine Eltern ließen ihn immer auf dem großen Ofen in der Küche liegen, wenn sie morgens das Haus für die Arbeit auf den Feldern verließen.

Eines Tages, als Ilja wieder alleine zu Hause war, kamen einige Männer in altertümlichen Kleidern herein und sprachen: „Sei gegrüßt, Ilja Muromez, du tapferer Ritter. Du bis der Beschützer des Landes und der Sieger über unsere Feinde.“
Da antwortete Ilja schwermütig: „Warum nennt ihr mich Ritter? Mich, einen Krüppel ? Ich kann nicht einmal laufen und die Leute treiben ihren Spott mit mir.“ Die Männer aber redeten ihm zu, doch aufzustehen und sangen:

Ilja Muromez steh auf
Gib deinem tapferen Herzen Ruhm
Richte deine Schultern auf
Lass deine Beine nicht mehr ruh´n.

Durch ihren Gesang befiel Ilja eine große Fröhlichkeit und wie durch ein Wunder stand er plötzlich auf – er konnte laufen, rennen, hüpfen und tanzen und fühlte eine große und mächtige Kraft durch seinen Körper fließen. Er war geheilt.

Inzwischen versuchten seine Eltern draußen Baumwurzeln und – stümpfe für einen neues Feld aus dem Boden zu ziehen. Sie arbeiteten hart, waren aber doch nicht in der Lage, die Stümpfe und Wurzeln aus der Erde zu bekommen, so fest steckten sie darin. Als sie schon ganz erschöpft waren und sich auf einem der Stümpfe ausruhten, hörten sie ein lautes Geräusch wie von zersplitterndem Holz. Es war Ilja, der gekommen war, um ihnen zu helfen und die Stümpfe und Wurzeln in einer Schnelligkeit aus der Erde riss, dass es eine Freude war. Die Eltern trauten ihren Augen kaum. „Bist du es, lieber Sohn ? Wer gab dir diese Kraft, wer heilte dich von deiner Lahmheit?“ Er antwortete: „Seid gegrüßt, meine lieben Eltern. Ich hatte heute Besuch von einer Reihe von Gästen und sie schenkten mir eine unglaubliche Kraft.“

Kurz darauf kaufte Iwan ein Fohlen namens Karuschka und sprach zu ihm: „Du wirst das Pferd eines mächtigen Ritters sein und deine Arbeit hart.“ Er sorgte gut für das kleine Pferdchen, zog es groß und so wurde es ein prächtiges Ross. In der Schmiede währenddessen hämmerten große Meister der Schmiedekunst in seinem Auftrag ein Kettenhemd, ein stählernes Schwert, eine große Lanze und einen purpurnen Schild für den mächtigen Ritter Ilja. Danach fragten sie Ilja, wohin er denn nun ziehen wolle. „Zur Stadt des Königs“ sprach er und mit seiner neuen Ausrüstung ritt er sogleich los.

Auf dem Weg kam er an einer anderen Stadt vorbei, die gerade von bösen Feinden belagert wurde. Ganz alleine griff Ilja sie an und war mit seiner glitzernden Rüstung und großen Kraft ein so furchterregender Anblick, dass die Feinde davon liefen und er sie dadurch ganz alleine besiegte. Da öffneten die Bewohner der Stadt ihre Tore und begrüßten Ilja freudig mit Brot und Salz. Danach fragten sie ihn sogleich, ob er nicht der Anführer der Krieger der Stadt werden möchte. Er aber lehnte ab, dankte ihnen und meinte, er müsse weiter zur Stadt des Königs.

Iljas Weg führte ihn weiter durch einen dunklen, sumpfigen Wald. Dort gab es weder Vögel noch andere Tiere. Im Wald jedoch lebte der böse Räuber Solowej, der dort auf einem Baum wartete und Reisende mit einem schrecklich lauten Pfeifen tötete, um sie danach auszurauben. Als Solowej das Hufgetrappel von Ilja hörte, wurde er zornig. Er ließ seinen tödlichen Pfiff erschallen, Furcht einflößender als das Heulen jedes Wolfes, das Brüllen jedes Bären und jeder Laut, den irgend ein anderes Tier von sich geben wollte. Von diesem furchtbaren Geräusch verdorrten selbst auf den Bäumen rings herum die Blätter in nur einem einzigen Augenblick. Doch Ilja Muromez zeigte keine Regung, holte seinen schweren Bogen vom Rücken und schoss einen Pfeil direkt in Solowejs Stirn, so dass dieser vom Baum direkt vor Iljas Füße fiel. Ilja legte ihn auf sein Pferd und ritt direkt in die Stadt des Königs.

Als es gerade Mittagszeit war, erreichte Ilja des Königs Stadt, stieg von seinem Pferd und ging in des Königs Schloss, wo dieser und seine Ritter ihr Mittagsmahl verzehrten. Der König fragte Ilja, woher er sei und dieser antwortete: „Ich bin Ilja, Sohn von Bauersleuten aus einem kleinen Dorf. In der letzten Stadt war ich am Morgen und hörte danach das Pfeifen vom Räuber Solowej.“

Da lachten alle anderen Ritter und der König sagte: „Worüber sprichst du, junger Ritter? Die letzte Stadt in der Richtung, aus der du gekommen bist, wird vom Feind belagert und der Wald dort ist ein furchtbarer Ort. Sogar Wölfe und Bären meiden ihn wegen des bösen Räubers Solowej. Wer immer sein Pfeifen hört, muss sofort sterben.“

Ilja nahm sie mit in den Hof zu seinem Pferd, wo Solowej auf Iljas Pferd gebunden war. Der König sah den Räuber und beschloss zu prüfen, ob es sich wirklich um den furchtbaren Solowej handelte. Er sprach: „Pfeife, beiß´ wie ein Tier und zische wie eine Schlange.“ Er reichte Solowej einen Weinschlauch und dieser trank ihn komplett leer. Dann ließ er einen Pfiff hören, der die Blätter von den Bäumen riss und einen großen Sandsturm auslöste. Nur Ilja konnte ihn erneut stoppen. Der König war so beeindruckt, dass er Ilja zu einem seiner Ritter machte. Und so wurde Ilja der größte Verteidiger des ganzen Königreichs gegen alle Feinde der Zukunft.